Blog zum Perspektivenwechsel

09.11.2016

Apps – als Big Mother

Vor einiger Zeit – Filmproduktion mit einem Weltstar der klassischen Musik. Das Kamerateam erscheint völlig verspätet am Drehort. Für mich als Regiesseur, der schon am Set war – ein Trauma. Was war passiert: Das Team irrte völlig ziellos per Navi-App durch die engen Gassen der Altstadt. Die Idee, man könnte ja fragen, oder die Anfahrtsskizze studieren – Fehlanzeige. Zu verlockend und faszinierend war die verwendete – offensichtlich nicht fehlerlose Navi-App.

Navi-Apps, die App fürs Stillen, Abnehmen, oder Pilze sammeln. Pilzesammler laufen mit Handys ins Gelände, ohne eine Ahnung, aber dafür mit einer App. Apps wohin man blickt - gemein ist allen, dass sie Erfahrungen, Wissen, letztlich die menschliche Intuition durch eine Software ersetzen. 

Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck- Instituts für Bildungsforschung: "Wenn wir unser Leben nur noch von außen steuern lassen, uns Routen berechnet werden, statt dass wir selbst Wege finden, dann bewegen wir uns buchstäblich auf dünnem Eis. Persönliche Erfahrungen sind so bunt wie die Menschen selbst, die Berechnungen der Computer bleiben dagegen für alle gleich. Das Dasein wird vorhergesagbar und damit unsäglich öde."  

Big Brother wandelt sich zu Big Mother-App, die uns umsorgt und für uns komplexe Entscheidungen fällt. Wir werden bemuttert von einem Überwachungsapparat. Möglicherweise sollten wir wieder in Kontakt mit uns selbst treten. Der Psychiater Michael Winterhoff schickt seine Patienten z.B. in den Wald - ohne Handy, Hund oder Freunde. Der Effekt sei immer wieder überraschend. Zuerst baut sich ein enormer Druck auf, die Menschen halten es schlichtweg nicht mehr mit sich selbst aus. Dann stellen sich Glücksgefühle ein. Probleme zeigen sich plötzlich nicht mehr als solche. Die Intuition erwacht wieder.

Einen Entzug vom Navigationssystem wird niemand ernsthaft wollen, geschweige tatsächlich hinbekommen. Doch vielleicht lassen Sie einfach mal das Navi auf den Rückwegen ausgeschaltet. Und wenn man sich verfährt, kann man es positiv sehen. Statt "Sie haben Ihr Ziel erreicht", kann man sich selbst sagen: "Ich habe meinen Hippocampus (zentrale Schaltstation unseres Gehirns) stimuliert."

Über den Autor

Meine wichtigsten Charakterzüge:
Empathie, Authentizität, Verlässlichkeit, Wertschätzung und Offenheit für alles Neue.

Meiner Arbeit als Coach liegt das Selbstverständnis zugrunde, dass der Mensch mit allen wichtigen Fähigkeiten ausgestattet ist, man muß sie nur aktivieren.

Reutlingen – Stuttgart – München