Blog zum Perspektivenwechsel

08.03.2014

Vom Zwang zum Perfektionismus

Dank Fitnessprogrammen, Nahrungsergänzungsmittel, Schönheitsoperationen werden wir körperlich immer perfekter.

Täglich sind wir vom Geist des Perfektionismus und Selbstoptimierung getrieben. Wie kann ich im Beruf und im Privaten eine noch bessere Performance abliefern? Sehe ich gut aus? Bin ich perfekt in meinem Auftreten – bei meiner Präsentation? Man versucht sich ständig mit dem Blick der anderen zu betrachten. Zunehmend werden leistungssteigernde Psychopharmaka konsumiert, damit im Beruf und in der Ausbildung noch bessere Ergebnisse erzielt werden können. „Happy Pills“ - auch Neuro-Enhancement genannt – Pillen die konzentrierter und leistungsfördernder machen, also Hirndoping. Es wird aktuell davon ausgegangen, dass 15% der Medizinstudenten sich mit Ritalin dopen. Das perverse daran: Bei Kindern ist dieses Ritalin ein Therapeutikum – ein Medikament zur Behandlung einer Krankheit, obwohl es nicht sicher ist, ob es diese Krankheit überhaupt gibt.

Menschen, die gegenwärtig an Depressionen leiden, und u.a. auch auf dieses Hirndoping zurückgreifen, sind möglicherweise durch den Optimierungswahn getrieben, alles aus sich herauszuholen. Der selbst auferlegte Zwang das Perfekte verkörpern zu müssen ist allgegenwärtig. Der eigene Perfektionismus wird trainiert wie ein Muskel. Die Angst zu verlieren, zu versagen, nicht mehr zu den Siegern zu gehören, nicht mehr dem Leitbild einer Gesellschaft zu genügen, ist überall sichtbar.

Möglicherweise gibt es Anzeichen für eine Gegenentwicklung zu diesem von außen vorgelebten Perfektionismus. Die Sehnsucht nach dem Nichtperfekten – auch scheitern zu dürfen, auch mal Fehler zu machen – scheint zuzunehmen. Das Ausklinken aus dem Hamsterrad – immer besser werden zu müssen, zeigt erste Spuren. In Magazinen und auf dem aktuellen Büchermarkt tummeln sich bereits sehr erfolgreiche Titel. Interessante Ergebnisse zeigt eine Studie, in der weltweit die Einstellung zu Fehlern unter Chirurgen und Piloten getestet wurde. Das Ergebnis: Piloten geben Fehler zu und tauschen sich darüber aus. Chriurgen eher nicht. Bei Piloten sieht man das Sprechen übers Scheitern als Austausch an - dadurch passieren weniger Fehler.

Nach über hundert Jahren des Dauerwachstums, des Optimierungswahns, dem Zwang zum Perfektionismus, beginnt möglicherweise eine neue Dekade: dem Mut zum Scheitern, aber auch wieder die Besinnung auf eigene Fähigkeiten - das eigene Selbst.

"Sei du selbst! Alle anderen sind bereits vergeben."

Oscar Wilde


Über den Autor

Meine wichtigsten Charakterzüge:
Empathie, Authentizität, Verlässlichkeit, Wertschätzung und Offenheit für alles Neue.

Meiner Arbeit als Coach liegt das Selbstverständnis zugrunde, dass der Mensch mit allen wichtigen Fähigkeiten ausgestattet ist, man muß sie nur aktivieren.

Reutlingen – Stuttgart – München